Geschichte des Vereins

Wie die Tabor Society entstand

Prof. Dr. Friedrich Heyer

eine leicht gekürzte Fassung des Artikels von FRIEDRICH HEYER (KuS Heft 51 / Oktober 1998)

Wie ist dieser Verein entstanden, der Jahr um Jahr Geld sammelt, um äthiopische Kirchenschulen zu unterstützen? Die Anfänge lagen in Jerusalem.

Die äthiopischen Mönche der Heiligen Stadt hausen auf dem Dach der Grabeskirche, die das Grab Jesu Christi umschließt, aus dem er auferstanden ist. Die Kuppel der Helenenkapelle, die an die Kaiserin Helena erinnert, die einst Christi Kreuz auf dem Golgathahügel entdeckte, ragt in der Mitte der Tukul auf, die sich die Mönche gebaut haben. Nicht weit davon residiert der äthiopische Erzbischof . Dort fing im Jahr 1956 die Geschichte an, als junge christliche Deutsche mit Prof. Heyer in einem VW-Bus von der Universitätsstadt Kiel quer durch die Türkei und durch Syrien gefahren waren und sich in Jerusalem mit dem damaligen äthiopischen Erzbischof Filpos und den äthiopischen Mönchen befreundeten und über den Glauben austauschten. Das ließ die Sehnsucht wachsen, das schöne Heimatland Äthiopien mit seinen Kirchen und Klöstern selbst kennenzulernen. 1963 der erste Flug mit Ethiopian Airlines nach Asmara und Addis Abeba und die Wanderungen zum Kloster Sad Amba und nach Dèbrè Libanos. Diese Erfahrungen waren so überraschend, daß nun fast Jahr um Jahr das schöne Äthiopien besucht wurde und Zeitschriften Artikel und Bücher die Kenntnis des christlichen Äthiopien in Deutschland zu verbreiten begannen.

Da sagte uns unser äthiopischer Freund Dr. Haile Gabriel Dagne, der in Deutschland studierte und den Doktorgrad von Berlin erworben hatte: "In Äthiopien darf man nicht nur neugierig herumspähen. Hier muss man etwas tun!" Was denn tun? Antwort von Haile Gabriel Dagne: "Es fehlt uns an Schulen. Nur 35% der Äthiopier können lesen und schreiben." Gut! Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland gab uns eine Million, eine Schule zu gründen und zu betreiben. Wir wählten Dèbrè Tabor als Schulort.

1971- das war vor 27 Jahren - zogen Heidelberger Studenten, mit ihnen auch Jan Gerd Beinke und der junge Architekt Andreas Heyer, nach Dabrè Tabor, um eine Schule zu bauen. Die schwedische Entwicklungshilfe hatte es vorgemacht, wie man mit einfachen Mitteln Schulgebäude errichten konnte. Dass wir einen Brunnen gruben, war der erste Erfolg. Wir waren nach Dèbrè Tabor gegangen, weil diese Provinz in der äthiopischen Geschichte des 19. Jh. eine bedeutende Rolle gespielt, aber von Kaiser Haile Selassie vernachlässigt worden war. Denn Ras Gugsa, der hier herrschte, war ja der Ehemann der Kaiserin Taitu, die als Tochter Kaiser Menileks Erbin der äthiopischen Krone war, und so hatte Ras Gugsa die Aussicht darauf, selbst einmal Kaiser Äthiopiens zu werden. Diesen Plan sollte Haile Selassie durchkreuzen, und als die Armeen Haile Selassies und des Ras Gugsa sich auf dem Schlachtfeld von Antchem trafen, fiel der Sieg dem Haile Selassie zu. Das war so ermöglicht: Ein französischer Sportflieger war mit Motorschaden in Äthiopien notgelandet und Haile Selassie gab ihm sein repariertes Flugzeug nur unter der Bedingung frei, dass der Flieger über dem Schlachtfeld einige Bomben auf die Kämpfer des Ras Gugsa werfe. Das verwirrte die Kämpfer aus Dèbrè Tabor. Kaiser Haile Selassie aber konnte nicht vergessen, dass aus dieser Gegend seine gefährlichsten Feinde stammten. Dazu kam noch, dass im Augenblick der italienischen Okkupation die treuesten Anhänger Ras Gugsas, so der Fitaurari Schumie, aus Feindschaft gegen Kaiser Haile Selassie mit dem italienischen Kommissar von Dèbrè Tabor Principani eng zusammengearbeitet hatte. Haile Selassie hat das Land rund um Dèbrè Tabor verkommen lassen. Zwei von italienischen Ingenieuren bei Dèbrè Tabor errichtete Straßenbrücken ließ der Kaiser wieder abbrennen. Darum meinten wir Deutschen, dort ist eine Schulgründung nötig.

Die Studenten gruben selbst die Fundamentgräben. Sie kauften in Norddeutschland eine motorisierte Tischlerwerkstadt und fuhren sie in einem VW-Bus bis auf die Höhe von Dèbrè Tabor. Sie halfen den äthiopischen Lehrern, aus der Flut von hunderten schulwilliger Knaben die begabtesten herauszufischen. Die Eindrücke, die sie von der äthiopischen Jugend empfingen, waren so tief, dass sich die Studenten auf Dauer mit den äthiopischen Freunden verbinden und durch Geldsammlung in Deutschland für den Fortbestand der äthiopischen Kirchenschulen engagieren wollten. Sie gründeten die Tabor Society.

Warum dieser Name? Es gab zwei verständliche Gründe. Der erste Grund ist ein geographischer. Im Heiligen Land gibt es nicht fern von Nazareth einen Hügel von wunderbarer Ebenmäßigkeit. Steigt man über Felskuppen und Gesträuch auf die Höhe, so trifft man auf dem Gipfel eine orthodoxe und eine katholische Kirche an, die daran erinnern, dass hier Jesus Christus vor den Augen der Jünger verklärt erschien und Moses und Elias im Gespräch mit dem Heiland. Während es sonst im Erdenwallen Christi kein Heim und keine Hütte gab, da er sein Haupt hinlegen konnte, konnten die Jünger hier dem Herrn vorschlagen: Lasst uns Hütten bauen. In Äthiopien entdeckten die Äthiopischen Jerusalempilger einen Hügel ähnlicher Form, den sie als verwandt mit dem Taborberg des Heiligen Landes empfanden und ihm darum den Tabornamen gaben. Das war der Ort unserer ersten Schulgründung. Später wuchs mit Hilfe der "Kindernothilfe" die Zahl dieser Schulen auf 40 an. Der zweite Grund aber war der folgende: Alle Schüler Äthiopiens feiern ein Jahresfest, und zwar am Tabortage, an jenem Tag im August, da man in der Kirche an den verklärten Jesus auf dem Taborberg erinnert. Die deutschen Studenten wollten ja mit den äthiopischen Schülern gleichsam ein immerwährendes Schülerfest begehen.

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( November 2009) Bemerkungen, Anfragen und Mitteilungen an: webmaster@tabor-society.de