Volker Matthies, Unternehmen Magdala. Strafexpedition in Äthiopien. Ch. Links Verlag, Berlin 2010, 195 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-86153-572-0. € 24,90. Cover: Illustration der Hafenstadt Zula, 1868. Bd. 11 der Reihe „Schlaglichter der Kolonialgeschichte“. www.die-deutsche-kolonialgeschichte.de.

Die Möglichkeit, Geiseln zu befreien, ist sehr unterschiedlich. 1868 befreiten die Engländer Geiseln von einer Bergfestung im Hochland von Äthiopien. Die Aktion kostete 9 Millionen Pfund. Mit dieser Summe wurde keine Lösegeldforderung erfüllt, sondern die Kosten für eine militärische Befreiungsaktion beglichen.

Volker Matthies, Politikwissenschaftler, ist Spezialist für Friedens- und Konfliktforschung (Universität Hamburg). Er beschäftigt sich besonders mit dem Horn von Afrika, sein Buch Kriege am Horn von Afrika, Berlin 2005 gilt als Standartwerk. Die Geschichte des niemals kolonialisierten Äthiopiens fasziniert ihn, mit Historische Reisen nach Aksum. Europäische Entdecker und Forscher beschreiben das antike Zentrum der äthiopischen Kultur, Berlin 2003 erreichte er eine breite Öffentlichkeit. Mit der vorliegenden Chronologie über das militärische Zusammentreffen zwischen Engländern und Äthiopiern widmet er sich erneut der afrikanischen Geschichte im 19. Jahrhundert.

Die äthiopischen Herrschenden, interessiert an internationalen Abkommen und diplomatischen Austausch, nahmen vor allem Kontakt zu anderen christlichen Ländern auf. Die Weltmacht England kämpfte um die Vorherrschaft am Roten Meer, verschiedene Expeditionen wurden in Nordostafrika durchgeführt. Bereits 1841 leitete Captain Cornwallis Harris die erste offizielle britische Mission nach Äthiopien. Königin Viktoria (1837-1901) und der äthiopische Kaiser Tewodros II. (Theodor, 1855-1868) suchten gleichermaßen Verbündete gegen die Türken. Tewodros, geboren um 1820 in Qwara als Kaía Òaylu, wird nach siegreichen Eroberungen 1855 zum Kaiser gekrönt. Den Thronnamen Tewodros wählte er in Bezug auf eine Prophezeiung (Fékkare Iyäsus), nach der ein König mit diesem Namen 40 Jahre friedlich regieren wird. Tewodros versuchte in seiner 13jährigen Regierungszeit das Land zu einem Reich zu vereinen, es gelang ihm jedoch nur kurzzeitig.

Im März 1855 wird der Diplomat William C. Plowden zu Kaiser Tewodros geschickt, begleitet von John Bell, der mit einer Äthiopierin verheiratet war. Nach dem Tod von Plowden wird Captain Charles Duncan Cameron neuer Abgesandter, er überreichte am 7.10.1862 Tewodros zwei silberne Pistolen von Königin Viktoria. Tewodros bedankte sich schriftlich und bittet die „Christen-Königin“ um Hilfe gegen die Türken. England hat jedoch Schwierigkeiten, die Verbindung aufgrund des gemeinsamen Glaubens zu bestätigen. Die internationalen Handelsbeziehungen führten zur Propagierung der Religionsfreiheit. Zwei Ereignisse werden im Nachhinein oft als Grund für die folgende Geiselnahme angesehen. Erstens übergab Cameron den Brief entgegen der Anordnung von Tewodros nicht persönlich, er unternahm stattdessen Erkundigungen im Nordwesten des Landes. Und zweitens antwortete Königin Viktoria nicht.

Nach längerem Warten wird am 4.1.1864 Cameron zusammen mit anderen Ausländer, so den anglikanischen Missionaren Stern und Rosenthal, verhaftet und nach Mäqdäla (Magdala) gebracht. Amba Mäqdäla, ein Bergplateau östlich des Tanasee in Wällo (Oromogebiet) gelegen, wurde von Tewodros 1855 erobert. Auf der natürlichen Bergfestung entstand eine Ansiedlung mit einem Gefängnis für politische Gefangene, zwei Kirchen und einer umfangreichen Schatzkammer mit einer großen Bibliothek. England reagierte diesmal schneller. Der Abgesandte Hormuzd Rassam kommt am 28.1.1866 in Mäqdäla an, versehen mit einer schriftlichen Weisung von Viktoria zur einvernehmlichen Lösung der Situation. Tewodros bleibt skeptisch und behält auch Rassam als Geisel da. Seine Bedingung für eine Freilassung der Geiseln ist die Entsendung von technischen Geräten und Handwerkern. England schickte daraufhin Handwerker samt Ausrüstung, im November 1866 erreichten sie die Hafenstadt Massawa. Sie sollen jedoch erst nach der Freilassung der Geiseln an Land gehen. Da nichts geschieht, kehren die Handwerker im Mai 1867 zurück.

Unter den 59 bis 67 Geiseln auf Mäqdäla befanden sich nun zwei englische Diplomaten und ihre Begleiter. In England wird die Politik Tewodros als Affront empfunden. Die Presse berichtet ausgiebig über die Geiselnahme. Die Angst Englands vor Rebellionen wie nach dem Sepoy Aufstand 1857 (Indien) war groß. Das Parlament genehmigte schließlich nach über drei Jahren diplomatischen Bemühungen eine militärische Befreiungsaktion. Beauftragt dafür wurde Sir Robert Napier (1810-1890). Eine große Militäreinheit sollte nach Mäqdäla vorrücken, die Geiseln befreien und wieder zurückzukehren. Die Ausführung wurde von Napier gründlich geplant, der Titel „Unternehmen Magdala“ von Matthies ist hier angebracht.

Am 30.10.1867 landen die Truppen in Zula. 41.700 bis 60.000 Personen (die Zahlenangaben varII.eren) sollen insgesamt dabei gewesen sein, davon 14.700 Soldaten (9050 Inder, 4038 Engländer) der Britisch-Indischen Armee. Eine große Anzahl Tiere wurde aus Indien mitgebracht, u.a. 19.000 Pferde, 5735 Kamele und 44 Kriegselefanten. Die logistischen Leistungen in der neu angelegten Hafenstadt Zula sind beeindruckend. Salzwasser wurde durch eine Filtriermaschine zu Trinkwasser aufbereitet. In der Truppe waren Christen, Muslime und Hindus vertreten, die Versorgung der multireligiösen Truppen mit den spezifischen Speisevorschriften wird eingehalten, so vegetarisches Essen für Hindus. Das moderne Waffenlager war immens, es gab allein 4000 Stück Hinterlader-Schnellfeuergewehre (Snider). Die Industrialisierung des Krieges (Waffen) und die Privatisierung (Tragtiere, Lebensmittel) verhalfen den Engländern zur Überlegenheit. Sogar eine 17 km lange Eisenbahnstrecke wird für die ersten Transporte gebaut. Am 25.1.1868 erfolgte der Aufbruch auf der insgesamt 650 km langen Strecke. Zeitgleich zieht Tewodros nach internen Machtkämpfen zurück nach Mäqdäla und kommt dort im März 1868 an.

Die ersten Kampfhandlungen zwischen Engländern und Äthiopiern finden erst am 9./10. April 1868 in der Schlacht von Fala (Aroge) statt. 700 Äthiopier sollen getötet worden sein, die Engländer hatten keine Verluste. Tewodros schickt nun Botschafter mit einem Friedensangebot und lässt einige Geiseln frei, auch Hormuzd Rassam. Napier lehnt das Angebot ab, er fordert die Freilassung aller Geiseln und die Unterwerfung Tewodros. Ein Briefwechsel folgt, Tewodros zitiert in seinen Briefen Bibelverse. Am Ostersonntag (12.4.) lässt er alle Geiseln frei. Sein Friedensangebot einschließlich Friedensgeschenk (1000 Rinder und 500 Schafe) nimmt Napier nicht an. Tewodros begeht einen Selbstmordversuch. Napier ordnet nichtsdestotrotz die Erstürmung Mäqdälas an. Die Engländer erklimmen am 13. April die Bergfestung, viele Äthiopier werden getötet. Tewodros nimmt sich mit der silbernen Pistole von Viktoria das Leben. Mäqdäla wird niedergebrannt, am 21. April wird der Rückzug angetreten und am 2. Juni 1868 Zula erreicht. Interessanterweise waren nicht alle befreiten Ausländer glücklich über eine Abreise aus Äthiopien, für sie war die Geiselhaft nicht gleichzusetzen mit einer gesamten negativen Einschätzung Äthiopiens. Sie blieben vor Ort oder kehrten bald wieder zurück.

Die politischen und kulturellen Folgen dieser militärischen Geiselbefreiung werden bis heute kontrovers diskutiert. Dies beginnt bereits bei den unterschiedlichen Bezeichnungen für die Aktion, wie Strafexpedition, Militärexpedition, Napier Expedition, Britische Expedition, Abyssinian Expedition, Abyssinian Campaign, Britische Intervention, British Mission to Theodor, Englischen Expeditionscorps, Feldzug oder Befreiungsaktion. „Krieg“ oder „Angriff“ wird jedoch kaum verwendet. Angesichts der Anzahl der Soldaten und das Vorgehen der Engländer bei den Schlachten, die Ablehnung der Friedensangebote durch Napier, der erneute Angriff nach der Freilassung der Geisel und der Mitnahme von Kriegsbeute ist zu fragen, ob die Bezeichnung „Krieg“ – auch wenn dies nur im Zusammenhang mit einer offiziellen Kriegserklärung benutzt werden soll – nicht angemessener wäre. Die Bezeichnung Expedition verschönert und verschleiert den Tatbestand. Auf englischer Seite gab es zwar kaum Tote, bei den Äthiopiern viele Gefallene. Es ist auch zu fragen, ob Napier vom ersten Selbstmordversuch von Tewodros wusste. Matthies als Experte für Kriegsforschung thematisiert diese Fragen nicht ausreichend. Er zieht zwar durchaus eine kritische Bilanz und zweifelt den „grandiosen militärischen Sieg über die Äthiopier“ als einmalige historische Aktion oder „erste große humanitäre Intervention der Weltgeschichte“ an, doch er vertieft dieses Thema nicht.

Der Begriff Geisel ist ebenfalls vieldeutig. Auf Mäqdäla gab es Gefangene und Geiseln. Zahlreiche äthiopische Machthaber - europäische Begriffe wie Fürst oder Adel greifen nicht - wurden dort gefangen gehalten, drohten sie Tewodros gefährlich zu werden. Unter den Gefangenen waren auch Ausländer, so der koptische Metropolit Abunä Sälama, der 1867 in Mäqdäla stirbt. Die Geiselnahme der englischen Diplomaten war für England eine Verletzung der Immunität, für Tewodros übliche Machtpolitik. Möglicherweise versuchte Tewodros durch das Festhalten von Menschen unterschiedlichster Nationalitäten einen internen Machtverlust auszugleichen. Er sah seine Macht schwinden und brauchte eine spektakuläre Unterstützung. Auch der Sohn der Oromo Herrscherin Mästawät wurde festgehalten und aufgrund ihrer Unterstützung der Engländer von Tewodros getötet.

Matthies vermeidet die Thematisierung der großen Gegensätze zwischen Nationalgefühl auf der englischen Seite mit einer Königin und dem regionalen, teilweise ethnisch und religiös bedingten, vorherrschenden Machtgefüge auf äthiopischer Seite mit vielen Herrschern. Die Idee eines Kaisers als einzigen Machthabers war in Äthiopien vorhanden, doch ständige Machtkämpfe mit kriegerischen Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung. Die Vergrößerung des eigenen Herrschaftsgebietes hatte Priorität vor einem Nationalgefühl. Gerade diese Konflikte führten den Engländern neue Verbündete zu. Die Kämpfe zwischen den christlichen Amhara und den muslimischen Oromo (Galla) waren stark. Die beiden Oromo Herrscherinnen (der Titel Königin ist nicht gesichert) Wärqitu (Wekait) und Mästawät (Mastiat) in Wällo und Wärrä Himäno hatten somit einen großen Einfluss auf den Verlauf der Militäraktion. Mästawät (ca. 1830-ca. 1885) nahm aktiv an Kämpfen teil und leitete die Aufstände gegen Tewodros. (Wichtige Persönlichkeiten wie Sir Robert Napier und Gerhard Rohlfs werden im Buch gesondert dargestellt, Tewodros und Mästawät fehlen leider). Nach Verhandlungen mit Napier sorgte sie für einen freien Durchzug der Engländer in ihrem Gebiet und unterstütze sie mit Lebensmitteln. Die Bedeutung von Mästawät und Wärqitu wurde bislang nicht genügend herausgearbeitet.

Auch andere Herrscher strebten nach einer Niederlage Tewodros und verbündeten sich mit Napier. Die taktische Zusammenarbeit mit den regionalen Machthabern und die genauen geographischen Kenntnisse Äthiopiens halfen England. Theodor von Heughlin lieferte bereits 1862 erste detaillierte Ansichten von Mäqdäla nach Europa. Doch schon auf dem Rückweg kam es vermehrt zu Angriffen auf die englischen Truppen. Scheinbar haben einige Herrscher die Engländer bewusst benutzt, um Tewodros zu stürzen. Nun konnten die Äthiopier ihre neuen Waffenkenntnisse anwenden, wie auch wenig später gegen die Italiener (Adwa). Die von Napier auf dem Rückweg an Kaía Mérca gemachten Waffengeschenke als Dank für seine Mithilfe verhalfen ihm zum Kaiserthron (Johannes IV. 1872-89). Die Mitnahme des Thronfolgers Alämayyähu Tewodros (1860 - 4.11.1879), Sohn von Tewodros II. und Téru Wärq Wébe (Térunäš) nach England veränderte die Herrschaftsabfolge, wodurch Menelik II. (1889-1910) zur Macht gelangt. Alämayyähu Tewodros ist begraben in der Kapelle von Windsor in England.

Matthies folgt bei seiner Beschreibung der englischen Sicht und benutzt hauptsächlich europäische Quellen. Er verarbeitet die offiziellen Militärberichte, die Bücher der Teilnehmer, die Schilderungen der Geiseln, wissenschaftliche Auswertungen und die Artikel der Kriegsjournalisten (embedded journalists). Die äthiopischen Quellen, die Chronik Tewodros wurde mehrfach übersetzt (Littmann, Moreno, Mondon-Vidailhet etc.), weitere Berichte und Dokumente berücksichtigt er kaum. Eine neue Beurteilung dieses historischen Ereignisses auf Grund äthiopischer Quellen fehlt somit. Eine Analyse äthiopischer Dokumente könnte die Sichtweise verändern, genannt sei der Brief (1870) der Großmutter Laqiyaye an Königin Viktoria, der der großmütterlichen Sorge um den kleinen Enkel Alämayyähu Ausdruck verleiht (Rubenson). England wurde nicht generell als Feind Äthiopiens angesehen, eine umfangreiche Korrespondenz zwischen den Ländern zeugt davon. Die Legendenbildung von Kaiser Tewodros zum äthiopischen Helden, der durch Geiselnahme und Selbstmord einer europäischen Großmacht getrotzt hat, ist in den äthiopischen Quellen zu finden. Für die Sicht der Oromo (Mästawät) gibt es ebenfalls Zeugnisse. Weiter ist eine geschichtliche Verbindung zur ersten Militäraktion einer europäischen Macht ins Innere von Äthiopien möglich. 1541 schickten die Portugiesen unter der Leitung von Dom Christovão da Gama 400 Soldaten zur Unterstützung im Kampf gegen den muslimischen Eroberer, Ahmad b. Ibrahim al-Ëazi (Ahmad Grañ). 1543 töteten sie ihn und verließen Äthiopien wieder. Interessanterweise lief die Logistik auch über Indien.

Matthies gelingt durch seine Herausarbeitung der wichtigsten Fakten eine spannende Schilderung. Überzeugend hat er erstmals auf Deutsch den „Marsch auf Mäqdäla“ zusammengefasst. Im Buch sind wenige Ungenauigkeiten zu verzeichnen, so ist Teff (S. 15) keine kleinförmige Hirsenart, sondern eine Kornart, mohammedanisch ist durch muslimisch (S. 42) zu ersetzen. Die deutsche Wissenschaft hatte durch die Geiseln wie Georg Wilhelm Schimper oder Eduard Zander und die wissenschaftlichen Begleiter der Militäraktion wie Gerhard Rohlfs detaillierte Aufzeichnungen bekommen. Hier liegt auch der Bezug zu der Reihe Deutsche Kolonialgeschichte des Ch. Links Verlags. Die Ausstattung des Buches mit zwei Karten (Marschroute) und zahlreichen schwarz-weiß Abbildungen von Originalphotographien und Zeichnungen ist exzellent. Matthies Buch präsentiert ein Stück Weltgeschichte, ihm sind viele Leser zu wünschen.

Verena Böll


(zurück zu Literatur)(back to literature)